Mittwoch, 10. November 2010

6088…

…meine neue Lieblingszahl!

In La Paz, der heimlichen Hauptstadt Boliviens, kann man nicht nur über wunderschöne Märkte spazieren und getrocknete Lama-Föten kaufen (falls man ein Haus bauen möchte und nicht weiß, was man einmauern sollte) sondern man hat auch sehr einfachen Zugang zu sehr, sehr hohen Bergen. Als ich vor 5 Jahren schon einmal auf dem 5400m hohen Chachaltaya stand und zu dem über 6000m hohen Nachbarberg „Huayna Potosí“ herüberschaute, entstand tief in mir der Wunsch, einestages dort heraufzuklettern. Nun sollte es endlich soweit sein. In einer der vielen Agenturen organisierte ich mir also einen privaten Guide und alle nötigen Ausrüstungsgegenstände.

Morgens holte mich Sabino, mein netter Bergführer für die nächsten Tage, ab und wir fuhren im Taxi zum Basislager auf 4700m. Hier sollte erst einmal der Umgang mit der Ausrüstung geübt werden. Dazu gehörten neben Bergschuhen, Steigeisen, Eispickel, Klettergurt und Kletterhelm auch eine wasserfeste Hose, Jacke, Handschuhe und Gamaschen. Zum Testen ging´s nun auf den nahen Gletscher. Hier wanderten wir einfach schnurgerade über´s Eis – über Spalten und Steilkanten. Geil! Wenn es für die Steigeisen zu steil wurde, konnte man immernoch mit dem Eispickel nach Halt suchen. Zum Schluss durften wir (ich hatte inzwischen 2 nette Engländer kennengelernt) noch an einer senkrechten Wand unsere spärlichen Eiskletterkünste unter Beweis stellen. Man, war das anstrengend! Das schwierigste dabei war, den mit voller Wucht in die Eiswand gehauenen Eispickel, wieder freizubekommen, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren und abzurutschen. Nach 3 Mal klettern waren meine Arme wie Pudding und wir gingen geschafft zurück in das gemütliche Basislager.


Der zweite Tag stand ganz im Zeichen der Akklimatisierung. Wir wanderten mit aller Ausrüstung im Rucksack die 2 Stunden bis zum Hochcamp auf 5130m. Das klingt zwar wenig, jedoch waren die Rucksäcke so schwer und die Luft schon so dünn, dass wir danach stundenlang im Schlafsack lagen und nur zum Kartenspielen fähig waren. Geschlafen wurdedabei in einem großen Raum, Schlafsack an Schlafsack. Insgesamt trudelten bis Abends rund 18 Personen ein, die den Gipfelsturm in der Nacht probieren wollten.
Da wir 3 uns auf der Tagesetappe vom Basis- zum Hochcamp ganz gut geschlagen hatten, entschieden unsere Bergführer, dass wir erst 2 Uhr nachts starten bräuchten – alle anderen begannen den Aufstieg eine Stunde früher. Leider tat ich in dieser Nacht kein Auge zu. Dann hieß es 1 Uhr aufstehen, Coca-Tee trinken, Ausrüstung anlegen und in den Kampf stürzen! Und ein solcher sollte es auch werden!
Bei sternenklarer Nacht und geschätzten 5 Grad minus gings auf den Gletscher. Im Schein der Stirnlampe kletterten wir Schritt für Schritt gen Gipfel...und das stundenlang und ohne jegliche Abwechslung! Die Schrittlänge wurde mit jedem Höhenmeter etwas kürzer und auch die Pausen häuften sich. Bei 5700m kam die erste Kletterstelle. Zum Glück war es noch so dunkel, dass ich nicht sah, wie steil es wirklich war und dass ich in eine Gletscherspalte fallen würde, sollte ich abrutschen. Wie ein Maikäfer pumpend zerrte ich mich hoch. Immerhin war ich ja noch am Guide angeseilt – der wird sich schon irgendwie festhalten um nicht mit mir im ewigen Eis zu verschwinden.


Bei 6000m Höhe betrug meine Schrittlänge noch ca. 15 cm und die Frequenz sank rapide. Nach jeweils 3-4 Schritten wurde eine Pause eingelegt - nee, musste ich eine einlegen! Als Belohnung gab es einen der schönsten Sonnenaufgänge, die ich bisher gesehen habe. Weit unter uns waren die Wolken zwischen den Berghängen gefangen und in der Ferne drohnte vor einem fantastischen roten Himmel die Silhouette des fast 6500m hohe Illimani – La Paz´s Hausberg. Leider hatte ich in diesem traumhaften Moment überhaupt gar keine Lust Bilder zu machen. Um das will was heißen!
Die letzten 100 Höhenmeter hatte ich dann das Ziel vor Augen und war dementsprechend mutiviert. Der innere Schweinehund hatte schon vor Stunden kapituliert, nun sollte der Kampf mit dem Berg entschieden werden! Um 6:45 Uhr war es schließlich soweit - 2 : 0 für mich, jippi! Der 6088m hohe Huayna Potosí ist bezwungen!!


Nach den Siegerposebildern musste ich mich erst einmal hingesetzt und konnte die Landschaft genießen. Nebenbei musste ich versuchen die 17 herumschwirrenden Sauerstoffmoleküle zu atmen, bevor sie jemand anderes bekommt. Mein Guide hat übrigens vor langer Zeit aufgehört zu zählen, wie oft er schon hier oben war. Er macht diese Tour 1 – 2 mal die Woche, egal bei welchem Wetter, seit Jahren! Sein Schweinehund ist nur noch ein Plüschtier.


Der Abstieg gestaltete sich hingegen angenehmer als gedacht. Keine Luftnöte penetrierten die Lungen, dafür sah ich jetzt, wo ich hinlief. Überall im Gletscher klafften tiefe Eisspalten mit meterlangen Eiszapfen und wunderschönen Eisfiguren in sich. Einige Male überquerten wir eine Spalte auf einer dünnen Eisbrücke, die ich im Dunkeln nicht als solche erkannt hatte – wuhaha! Die krasseste Stelle war jedoch ein Sprung über eine 1,5m breite und ca. 40m tiefe Spalte. (Keine Sorge Mutti, mein Guide hatte mich dabei sehr gut gesichert!)


Nach 2 Stunden Abstieg kamen wir wieder am Hochlager an, ruhten uns etwas aus und packten unsere Sachen. Mit vollem Gepäck ging es dann die restliche zermürbende Stunde hinunter um Basiscamp. Spätestens hier hatte jeder die Nase voll vom Wandern.


Die richtige Freude über die Besteigung meines ersten 6000er Berges kam jedoch erst viel später auf - erst einmal musste ich Schlaf nachholen.

 Jetzt, im Nachhinein, bin ich ganz stolz die Tour so gut überstanden zu haben. Die krassen Kopfschmerzen, die mich in der Nacht vom Schlaf abgehalten haben, sind bei der Besteigung zum Glück ausgeblieben und auch so war der Aufstieg schmerzloser als gedacht. Obwohl ich am Berg schon ab und zu gezweifelt habe, was ich da tue. Aber zum Glück erinnert man sich später nur an das Gute! Von den 18 Personen, die den Aufstieg nachts begannen, mussten mindestens 6 wegen körperlicher Schwäche oder Übelkeit aufgeben, 2 werden noch vermisst. (nee, Spass!)

3 Kommentare:

  1. hut ab chris!!!! ich wär da sicher entweder erfrohren, gefallen, erstickt oder äähhhh keine ahnung^^
    wahnsinn....

    lg karo

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  2. Hallo ihr beiden,
    den größten Teil eurer Reise habt ihr ja, zum Glück unbeschadet, geschafft. Ist für euch auch gedanklich schon die Heimat in Sicht? Wir glauben, hier warten schon viele sehnsüchtig auf euch.
    Wir wünschen euch noch schöne Tage in der in dieser herrlichen Landschaft.

    Kommt gesund zurück.
    Monika und Jürgen

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